Die Wunden der anderen / Wie es ist, vom Überleben zu erzählen / Max Joseph, 2018

 

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Von der Frau, in deren Wohnung ich in zwei Stunden sitzen werde, weiß ich fast nichts. Nur dass ihr Mann sie vergewaltigt hat. Eine gemeinsame Bekannte hat den Kontakt zwischen uns hergestellt. Im Zug sitzend versuche ich, sie mir vorzustellen, vergeblich. Einigermaßen hilflos werde ich in das Gespräch gehen, mit wenig mehr als meinem Interesse. Um meine Ratlosigkeit zu bannen, schreibe ich ein paar Fragen auf einen Zettel: Was ist Ihr Mann für ein Mensch? Wann haben Sie ihn kennengelernt? Was hat Ihnen an ihm gefallen? Wie ging Ihre Geschichte weiter? Lieben Sie ihn noch?

Einige dieser Fragen sind eine Zumutung. Die wichtigsten Fragen sind fast immer eine Zumutung. Ich weiß nicht, ob ich es übers Herz bringen werde, sie heute zu stellen.

Ich klingle. Eine muntere, patente Frau in ihren Dreißigern öffnet, nennen wir sie Frau Aschner. Sie bittet mich herein. Ob ich gut hergefunden habe? Während wir an den Fotos von ihrem Mann, die im Flur hängen, vorbeigehen, erzählt sie vom Fußballverein, von Ausflügen ins Grüne, vom Wetter. Ich bin ihr dankbar, dass sie keine Stille aufkommen lässt. Ich sollte eigentlich ihre Beklemmung vertreiben, nicht sie meine. Wir setzen uns. Sie sieht mich an. Wann geht’s los?, scheint ihr Blick zu fragen.

Jetzt.

Ich lege meinen Zettel auf den Tisch. „Ich habe ein paar Fragen aufgeschrieben, aber am liebsten wäre mir, wenn Sie einfach erzählen“, sage ich, schalte das Aufnahmegerät ein und schweige fortan die meiste Zeit.

Ich bin Sozialjournalist. Menschen nach ihrer Geschichte zu fragen, das ist mein Beruf. Ich beschreibe, was das Leben ihnen vor die Füße wirft und vor allem, wie sie damit umgehen. Mein Thema sind nicht Unglück und Verbrechen, sondern Überlebensweisen.

Ich führe kein Interview, ich suche ein Gespräch. Ein Interview wird „geführt“ beziehungsweise „gegeben“. Es ist eine asymmetrische Art der Kommunikation, bekannt aus mündlichen Prüfungen, Krankenhaus-Visiten oder Vorstellungsgesprächen. Deshalb mache ich meinen Protagonisten zu Beginn einen Vorschlag: Ich darf fragen, was ich will, aber Sie sind mir keine Antwort schuldig, einverstanden?

Manchmal wundere ich mich, dass die Menschen mit mir reden. Dabei ist der Grund einfach: Sie zeigen mir ihre Wunde, damit diese Wunde endlich jemand sieht.

Natürlich steckt auch manchmal Kalkül dahinter. Wie bei dem Vater, der hoffte, durch meine Berichterstattung seinen Sohn wiederzubekommen, den seine Frau vor ihm versteckte. Ständig erklärte er mir, was ich wie schreiben solle. Ich mag es nicht, aber verur- teile es nicht, wenn jemand versucht, mich vor seinen Karren zu spannen. Ich darf nur nicht zulassen, dass es ihm gelingt.

Schwierig wird es, wenn ich einen Protagonisten gar nicht leiden kann oder im Gegenteil sehr mag. Wenn ich meine Sympathie nicht in den Griff bekomme, entsteht ein Rührstück. Wenn mich Antipathie leitet, werde ich ungerecht. Spätestens beim Aufschreiben oder im Schnitt muss ich ganz vorsichtig mit meinen Gefühlen umgehen. Es geht nicht um mich, sondern um mein Gegenüber. Zur Vertrautheit muss die Fremdheit kommen, zum empathischen Verständnis das kalte Verstehen der Zusammenhänge.

Im Anfang war das Wort, mit diesem Satz beginnt das Johannes-Evangelium. Kein Wille, keine Idee oder Tat. Es erinnert mich daran, wie irrsinnig vorsichtig ich sie setzen sollte, meine Worte. Und wie viel mit jedem Wort gesagt ist. Wie zum Beispiel nennt Frau Aschner den Mann, der sie vergewaltigt hat? „Mein Mann“ oder „mein Ex-Mann“, „Hubert“ oder „der Herr Schwarz“? All diese Namen gibt sie ihm, sie wirft sie wild durcheinander. „Wenn ich erst den Namen kenne, bringt dies Gift mich nicht mehr um“, singt Hannes Wader. Frau Aschner sucht noch nach dem richtigen Namen.

Einige Stunden später sage ich Danke, schalte das Aufnahmegerät aus und schaue auf den Zettel mit den Fragen. Fast alle hat sie angesprochen, sie brauchte mich kaum dafür. Und für die anderen ist heute nicht die richtige Zeit. Ich werde Frau Aschner noch einmal besuchen.

Zurück am Schreibtisch fühle ich mich wie ein blutiger Anfänger. Ich weiß nicht, was ich wie aufschreiben soll. Ist es voyeuristisch, in eine Vergewaltigung hineinzuzoomen? Die Unterwerfung, die Demütigung, die Gewalt – sind die Schrecken nicht ohnehin jedem bewusst, und falls nicht, hilft dann das Schildern der Details? Geht es mir nur um den Effekt? Und selbst wenn die Antwort darauf nicht rundweg „ja“ lautet: Wodurch ist das gerechtfertigt? Der Reihe nach: Wollte ich keinen Effekt erzielen, wäre ich lieber nicht Journalist geworden. Und ja, die Leute – und ich – wollen wissen, wie es genau war. Und nein, das ist nicht per se verwerflich. Weil dadurch Nähe entsteht. Die spürt nicht nur der Leser, sondern auch der Protagonist. Aber das gelingt nicht immer. Wenn ich mehr Zurückhaltung walten lasse, laufe ich Gefahr, zu verharmlosen. Erzähle ich zu drastisch, kann ich dem Protagonisten das Gefühl geben, ihn dem Publikum ausgeliefert zu haben. Mit anderen Worten: Wer mir einen Vorwurf machen möchte, dem biete ich genügend Angriffsfläche. Der Dokumentarfilmer Georg Stefan Troller sagt, es gehe darum, die Schrecken des Lebens zu entschärfen. „Abfilmen heißt, das Leben in all seiner Schrecklichkeit und Unmittelbarkeit in etwas Habhaftgewordenes zu verwandeln. Etwas, was man besitzt, ein Stück Film. Damit wird die Unmittelbarkeit des Lebens zu etwas Mittelbarem und Mitteilbarem.“ Das gilt nicht nur für die Protagonisten selber, sondern auch für die Leser. Während ich eine wahre Geschichte erzähle, lernen sie nebenbei: dass sie erzählbar ist, egal wie schlimm. Und ich lerne auch. Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich während meiner Arbeit oft sehr stark am Leben fühle. Weil ich an so vielem teilhaben kann.

Vor einer Weile habe ich einen Film über eine junge Syrerin gedreht. Wenige Tage zuvor war Aleppo an die Regierungstruppen gefallen, ihre Großeltern waren noch dort. Vor laufender Kamera erzählte sie davon, bald musste sie anfangen zu weinen. Sie war erst 16 Jahre alt, sie tat mir leid, ich wollte sie so nicht im Fernsehen zeigen, wollte sie schützen und gab dem Kameramann ein Zeichen, dass er abschalte. Sie aber redete weiter, mit nassem, festem Blick. Und laut, auf dass ihre Stimme nicht breche, auf dass nichts verloren gehe. Wir drehten weiter, und ich verstand: Sie will, dass wir sie so sehen, dass wir ihren Schmerz spüren, und es war meine Aufgabe, genau jetzt nicht abzuschalten, mit ihr jetzt da durchzugehen, den anderen davon zu erzählen. Wegsehen wäre Verrat.

Manchmal ist auch Hinsehen Verrat. Dann, wenn ich zu explizite, zu plastische Worte wähle. Möchte die Mutter, deren Tochter bei der Amoktat von Winnenden umgekommen ist, dass ich „verblutet“ schreibe, oder ist das zu plastisch? Aber legt „verstorben“ nicht einen natürlichen Tod nahe, und ist „gestorben“ wirklich besser? Ist „umgekommen“ zu abstrakt? Ich habe mir angewöhnt, das Wort zu verwenden, das mein Gegenüber im Mund führt. „Meine Tochter wurde erschossen“, sagt sie. Einverstanden.

Ich werde mich bemühen, behutsam von Frau Aschner zu erzählen. Ich habe ihr einen anderen Namen gegeben, ich werde sie schützen. Aber ich werde sie nicht schonen. Auch mit dem Täter werde ich das Gespräch suchen, werde ihm offen begegnen, von ihm erzählen, und zwar ebenso behutsam. Ich mache mir mein eigenes Bild. Meine Unabhängigkeit und meine Sympathie für Frau Aschner gesellen sich beim Schreiben zusammen. Später, wenn die Protagonisten den Text lesen, weitet sich ihre Sicht. Oder sie fühlen sich missverstanden, ganz selten auch entstellt. Sie sind nicht objektiv, und ich bin es auch nicht.

Frau Aschner und ich sind keine Komplizen. Ihre Geschichte und die Geschichte, die ich über sie schreibe, unterscheiden sich. Sie muss akzeptieren, dass sie zwar ihre wörtlichen Zitate autorisieren darf, nicht aber meinen Text. Denn hier verläuft die Grenze zwischen Journalismus und PR: Ich bin nicht ihr Sprachrohr, sie nicht mein Auftraggeber. Ich wünsche mir, dass sie versteht: Der Text muss ihr nicht gefallen. Er muss ihr gerecht werden.

Abends, wenn ich heimkomme, habe ich selten Lust, über meine Arbeit zu sprechen. Weder fresse ich alles in mich hinein, noch finde ich Trost im Reden. Ich denke nach, oder ich wende mich anderen Dingen zu – was ich erfahre, quält mich selten.

Aber es passiert.Vor einigen Jahren ging ich mit Eva Mozes Kor durch Auschwitz. Joseph Mengele und seine Helfer folterten dort einst sie und ihre Zwillingsschwester Miriam. Ich war vorbereitet, kannte ihre Geschichte, kannte Fotos. Was mich ohne Vorwarnung traf, war etwas anderes: die Ausdehnung von Auschwitz-Birkenau. Niemand hatte mich vor der Endlosigkeit dieses Ortes gewarnt. Es gibt kein Foto, das die Ausmaße auch nur andeutet. Ich sprach wenig in diesen Tagen, ich war damit beschäftigt, nichts zu verstehen. Ich hatte das Gefühl, leiser gehen zu müssen. Kein Recht zu haben, hier zu sein. Ich hatte den Gedanken, dass jedes Leben falsch sein könnte: nicht nur das der Teenager, die zwischen den Gleisen stehend Selfies machten. Sondern auch das Leben der Linden dort hinten neben den Resten der Gaskammern, der Vögel, die darin nisteten, das Leben der Wasserläufer in den Pfützen, mein Leben, jedes Leben. Ich fragte mich, ob etwas in mir kaputt gegangen war. Ich kam heim, legte mich ins Bett. Als die Tränen flossen, wurde mir klar: Ich war nur wund. Nichts war kaputt.