Fremdland / Die Kriegsgefangenen, die bis 1949 nach Hause kamen, erkannten ihr Land nicht wieder. Und das Land sie nicht. / Spiegel Geschichte, 2018

„Wir brauchen hier keine Soldaten“, sagt Matthias’ Schwester zu dem Mann in der Tür. Matthias, fünf Jahre alt, versteckt sich hinter ihr. „Er ist mir unheimlich, wie er so da steht und versucht, freundlich zu sein, uns beide so anschaut, als würde er uns kennen, als müssten wir ihn kennen“, erinnert sich Matthias Lange Jahrzehnte später. „Ich will nicht, dass ihr meinetwegen geschimpft kriegt“, sagt der Heimkehrer schließlich und wartet vor dem Haus. „Er hat gesagt, er wäre unser Vater“, flüstert die Schwester. „Ich will keinen Vater“, sagt Matthias.

Eigentlich ist „Heimkehrer“ das falsche Wort. Denn die Männer, die Krieg und Gefangenschaft überlebt hatten, kommen in ein Land, in dem sie nie zuvor gewesen waren. Die Straßenzüge, in denen sich ihr Vorkriegsleben abgespielt hatte, ähnelten kaum den Trümmerreihen, durch die sie jetzt stromerten. Eltern, Geschwister, Ehefrauen und Kameraden waren im Bombenkrieg umgekommen, gefallen, vermisst, Kinder erinnerten sich nicht mehr an ihre Väter. Die Heimkehr, dieser große Traum, platzte, als er in Erfüllung ging.